Zu Wiesen habe ich ein zwiespältiges Verhältnis.
Über Frühlingswiesen zum Beispiel gerate ich jedes Jahr erneut ins Schwärmen. Innerhalb weniger Tage verwandelt sich blasses Braun oder Grau in frisches Hellgrün, das dann oft noch von fröhlichen weißen und gelben Punkten durchsetzt wird – den unverwüstlichen Gänseblümchen und Löwenzähnen. Jeden Winter sehne ich diesen Moment herbei, wo der Kreislauf der Natur sichtbar einen neuen Anlauf nimmt. Meine Seele tankt auf, und mir geht es richtig gut!
Oft jedoch fallen mir im Zusammenhang mit Wiesen ganz andere Begriffe ein wie Hitze, Schweiß, Staub und jede Menge Arbeit! Das hängt einfach damit zusammen, dass ich in der Landwirtschaft groß geworden bin und meine Arbeitskraft von Anfang an altersgemäß eingeplant war. Ich kannte das nicht anders.
Bei meiner Geschichte geht es um eine Wiese, die nicht sehr weit von unserem Dorf entfernt liegt, ziemlich schräg in eine Talkerbe hinabfällt und von einem kleinen Bach durchflossen wird. Am 1. August 1970, einem heißen Samstag mitten in den Sommerferien, waren wir nachmittags dort, um von Hand das „Grummet“ zu wenden, den zweiten jährlichen Grasschnitt. Wir, das waren in dem Fall meine hochschwangere Mutter, zur damaligen Zeit mit 38 Jahren als absolut Spätgebärende einzustufen, und ich, mit meinen 13 Jahren nicht gerade begeistert von diesem Tagesprogramm. Bei der monotonen Arbeit hing ich meinen finsteren Gedanken nach, ärgerte mich, dass der Traktor anderswo im Einsatz war, und beneidete meine Mitschülerinnen und Mitschüler, die ihre Ferien in Italien oder zumindest im Freibad genießen konnten. Nie wollte ich bei Schuljahresbeginn verraten, dass meine gesunde rotbraune Hautfarbe von der Feldarbeit herrührte und nicht vom Sonnenbad am Strand. Ich war an diesem Tag wirklich stinksauer und maulfaul, sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die sich gern mit mir unterhalten hätte. Ich wunderte mich etwas, als sie kurzzeitig hinter einem Busch verschwand. Und schließlich sank die
Stimmung vollends in den Keller, als meine Mutter fast beiläufig bemerkte: „Ich glaube, das Kind kommt. Sieh zu, dass du bis heute abend fertig bist!“ Sprachs, schulterte ihren Rechen und lief etwas eiliger als sonst nach Hause.
Da stand ich nun, mutterseelenallein mitten in der staubigen Wiese. Der Schweiß lief an mir herunter, und ich konnte oder wollte einfach nicht verstehen, wie meine Mutter mich mit der stupiden Arbeit allein hier
zurücklassen konnte! Heute, mit meinen Erfahrungen als Notarzt und gynäkologischer Assistenzarzt,
beurteile ich die Situation selbstverständlich etwas anders! Das Kind ließ tatsächlich nicht lange auf sich warten, und hätte meine Mutter damals auf mich und meine „Befindlichkeit“ Rücksicht genommen, wäre meine kleine Schwester am Ende noch in dieser Grummetwiese zur Welt gekommen, nicht auszudenken!
46 Jahre sind seitdem ins Land gegangen. Immer, wenn ich meine Eltern und meine Schwester besuche, komme ich am Ortseingang an dieser Wiese vorbei, und die Erinnerung holt mich ein. Ich frage mich, ob sich diese Geschichte so noch einmal abspielen könnte – nein, sicher nicht!
Keiner wendet mehr das Heu von Hand. Die schwangere Bäuerin hätte ab dem dritten Monat Arbeitsverbot. Und sollte eine Komplikation mit der Fruchtblase auftreten, würde sofort eine korrekte Lagerung vorgenommen und der Notarzt per Handy angefordert. Und der würde sich mit Blaulicht und GPS schnellstmöglich seinen Weg bahnen. Wie haben sich die Zeiten geändert, ich staune immer aufs Neue.
Inzwischen bin ich Eigentümer der Wiese und habe so meine Pläne damit. Ich hoffe, sie wird immer bunt und lebendig sein. Aber ich bin mir ziemlich sicher: Sollte ich einmal Enkel haben, werden sie dort (!) wohl nicht zur Welt kommen!
Eine „Lebendige-Wiesen“-Geschichte aus Nohen
von Hans-Walter Spindler